Literatur
Konrad Hecker
Der Faschismus
und seine demokratische Bewältigung

Faschismus – das weiß jeder, das hat man gelernt – ist das Gegenteil von Demokratie: Unrechtsherrschaft statt Herrschaft des Rechts, Willkür von oben statt Kontrolle von unten; speziell der deutsche Nationalsozialismus ein System des Verbechens, das alle zivilisatorischen Errungenschaften neuzeitlicher Politik außer Kraft gesetzt hat. Und trotzdem: Ein halbes Jahrhundert nach Hitlers Ende, mitten im erfolgreich restaurierten System der Bürgerfreiheit, sind Warnungen vor einer jederzeit drohenden Wiederkehr des Faschismus an der Tagesordnung; eine dauernde Gefahr soll er sein, die nur durch eine unermüdliche Anstrengung aller Demokraten, insbesondere die wachgehaltene Erinnerung an das böse Ende, in Schach gehalten werden kann. – Wie das, wenn Demokratie und Faschismus doch so unvereinbar sind wie gut und böse?

Steigen dann in der famosen demokratischen Nation die Arbeitslosenziffern über die 2-, 3-, 4-Millionen-Marke – infolge ökonomischer Sachzwänge, wie die zuständigen Politiker versichern, die nur sie richtig zu handhaben verstehen –, dann wächst in gleichem Maß die Sorge vor faschistischen Tendenzen und einem neuen Hitler. – Freiheitliche Wirtschaftsvernunft wäre demnach also für die von ihren Betrieben „freigesetzten“ Massen doch kein recht einleuchtendes Angebot, Diktatur und Unterdrückung hingegen, wenn das denn schon der Inbegriff des Faschismus sein soll, eine attraktive Alternative?

Gediegen demokratische Parteien bekennen sich in solch „schwerer Lage“ zu dem Auftrag, die Wählermassen bei sich zu „integrieren“, die andernfalls, wenn nämlich die Demokraten den Rechtsradikalismus den Rechtsradikalen überlassen, nur zu leicht faschistischen „Rattenfängern“ nachlaufen. – Was bleibt da noch an sachlicher Differenz zwischen einem demokratisch geadelten Patriotismus und einem verwerflichen faschistischen Nationalismus?

Kein Zweifel: Demokraten halten vom Faschismus nichts; sonst wären sie ja keine mehr. Einigermaßen fragwürdig nehmen sich allerdings die Gesichtspunkte aus, unter denen sie die faschistische Herrschaft so entschieden ablehnen. Der Verweis auf die Greueltaten der Nazis erscheint schlagend, verfügt gewissermaßen ein Ende jeder politischen Würdigung und Schluß der Debatte, noch bevor sie losgegangen ist; trauen mag ihm aber keiner so recht. Ihr eigenes Gemeinwesen stellt sich den demokratischen Antifaschisten als prekäre Veranstaltung voll schleichender Übergänge zum anderen System dar. Und das nicht einmal nur, weil es überall böse Menschen gibt: Sie kennen jede Menge nationaler „Probleme“, insbesondere solche „sozialpolitischer“ Art, um deren „Lösung“ Faschisten jederzeit die Konkurrenz mit ihnen aufnehmen könnten und durchaus nicht von vornherein die schlechteren Karten hätten – deren „Politikentwurf“ kann soviel anders als der demokratische also gar nicht sein. Die abgrundtiefe Differenz schwindet vollends dahin, wenn verantwortungsbewußte Demokraten kritisch und selbstkritisch an die durchschnittliche politische Gemütslage der breiten Volksmassen denken: Kaum einer mag die Hand dafür ins Feuer legen, daß er und seinesgleichen oder zumindest „die andern“ „unterm Hakenkreuz“ nicht auch mitgemacht hätten. Gemeinsam mit ihrem Kanzler danken die demokratischen Nachkommen der Hitler-Generation für die „Gnade der späten Geburt“. Das ist schon ein weitgehendes Eingeständnis; und das wird mit der Ermahnung, deswegen um so besser aufzupassen und „den Anfängen zu wehren“, solange es noch ohne Risiko geht, nicht widerrufen, sondern vollendet: Wäre nicht allgemein bekannt, wie das Stück ausgegangen ist, zu welchem Ende Aufstieg und Herrschaft der Nazis die „Anfänge“ waren, dann fänden sich die aus Schaden klug gewordenen Demokraten in ihrer strikten Absage an den Faschismus entwaffnet. „Nach Auschwitz“ ist ihnen alles klar – vorher offenbar gar nichts. Deswegen wohl müssen sie immerzu die „Erinnerung“ an KZs, Massenmord und Kriegskatastrophe wachhalten: Ohne das wären sie sich ihrer Abneigung gegen die faschistische Alternative selber gar nicht mehr sicher. Umgekehrt erspart der Blick auf Hitlers Leichenberge ihnen eine politische Faschismuskritik, mit der sie sich zugegebenermaßen schwer täten.

Um beide Momente, die zu einem durchgeführten Vergleich gehören, ist es bei der polemischen Abgrenzung der Demokratie gegen den Faschismus also schlecht bestellt: Ihre Identität wird gar nicht namhaft gemacht, geschweige denn auf den Begriff gebracht, stattdessen sorgenvoll unterstellt und dementiert zugleich; die Differenz wird genausowenig ermittelt, vielmehr durch einen moralischen Unvereinbarkeitsbeschluß ersetzt, der sich zu der Behauptung versteigt, beide Arten, Staat zu machen, wären im Grunde unvergleichbar; ungeachtet dessen besteht die Befürchtung fort, die gute Herrschaft möchte nur zu leicht in die andere, böse Variante umschlagen... * Die Sache wird nicht besser, wenn radikalere Antifaschisten ihre kritischeren Vergleiche anstellen. Es hat sich ja einmal eine ganze linke Bewegung, aus dem Geist der Distanz zum offiziellen bundesdeutschen Antifaschismus heraus und in Widerspruch zum guten nationalen Gewissen, um eine Theorie des Faschismus bemüht. Man hat die „verkürzten Fragestellungen“ der bürgerlichen Befassung mit dem Thema gerügt und kritischere „Ansätze“ durchprobiert – und ist doch immer bloß auch zu dem Befund gelangt, daß der Faschismus die Negation des demokratisch Guten war, das in der wirklichen Demokratie als halbe Wirklichkeit und schönes Versprechen drinsteckt; weil bloß halb verwirklicht, sei die reale Demokratie jedoch schon arg weit zum Faschismus unterwegs... Daß als die schlechte Hälfte der demokratischen Realität der Kapitalismus ermittelt wurde, hat an dieser moralischen Betrachtungsart nichts korrigiert; der Glaube an die eigentlich gute demokratische Mission der Staatsgewalt hat sich vielmehr in die methodische Debatte verstrickt, ob dann die Nazi-Herrschaft als pure Unterwerfung des Staats unter das Kapital aufzufassen sei oder ob nicht doch Tendenzen zu einer Ökonomie-widrigen Verselbständigung der SS-Diktatur eingeräumt werden müßten. Argumente, die uns die Kritik des Faschismus abgenommen oder leichter gemacht hätten oder auf die wir wenigstens als Quelle unserer Überlegungen verweisen könnten, sind dabei nicht herausgekommen.

Das ist auch nicht erstaunlich. Es beweist eben keine bessere Einsicht, weder in die faschistische noch in die demokratische Herrschaft, die real existierende Demokratie mit antifaschistischer Radikalität aufs Korn zu nehmen und in ihr noch weit mehr nicht abgewehrte „Anfänge“ des Nationalsozialismus dingfest zu machen, als die mehr einverstandenen Freunde und Anhänger der demokratischen Regierungsart zu befürchten behaupten. Die polemische Gleichsetzung des Alltags im demokratischen Staat mit den Brutalitäten des Faschismus, abgeschwächt und zugleich unanfechtbar gemacht durch die Öffnungsklausel, es handle sich eben um lauter „Anfänge“, zielt genausowenig wie das übliche Mahnen und Warnen auf einen ehrlichen Vergleich. Sie ermittelt weder die nationale Sache, um die es Faschisten und Demokraten tatsächlich gleichermaßen zu tun ist; noch geht sie auf die spezielle Problemdefinition und Methodik der Problemlösung ein, in der Faschisten und Demokraten tatsächlich voneinander abweichen und miteinander konkurrieren. Wer dem demokratischen Gemeinwesen keinen schlimmeren Vorwurf zu machen weiß als den, es sei eine einzige schiefe Ebene abwärts zum Faschismus, der operiert eben mit einer moralischen Disjunktion, unterstellt nämlich wie alle Demokraten die „Unvergleichbarkeit“ der beiden Alternativen in sittlicher Hinsicht und zieht nur die Grenzlinie anders. Nämlich zwischen jener wahren & eigentlichen Demokratie, die noch jedem enttäuschten mündigen Bürger als Ideal im Kopf herumgeistert und durch keine demokratische Realität zu blamieren ist, und der Gesamtheit schnöder Realitäten, die sich vor diesem Ideal allemal blamieren – nach dem oppositionellen Geschmack der radikalen Antifaschisten ungefähr fast genauso gründlich wie die Schandtaten der Nazis.

Schon rein theoretisch ist das alles sehr unbefriedigend. Für eine Untersuchung, die ohne moralische Verurteilungen – um deren Ehrlichkeit es ohnehin nie sonderlich gut bestellt ist – Identität und Differenz ermittelt, für einen sachlichen Vergleich also zwischen Demokratie und Faschismus spricht außerdem ein praktisches Interesse: Wenn ein politisches System ausgerechnet um der großartigen Leistung willen Anspruch auf Anerkennung erhebt, daß es seinen Untergebenen im Fall treuer Ergebenheit den faschistischen Tyrannen erspart – also mit ihm droht, dann ist Vorsicht geboten; dann möchte man schon wissen, woran man ist mit einem Staat, der aus seiner Verwandtschaft und Nähe zum grell ausgemalten faschistischen Terror kein Geheimnis und ausgerechnet deswegen aus seiner Differenz dazu sein unschlagbares Gütesiegel macht.

Die theoretisch billige und ideologisch nur allzu produktive Übung, beim Stichwort „Faschismus“ eine gute Meinung über die Demokratie – im Zweifelsfall: die „eigentliche“ – neben eine schlechte Meinung über die Nazis – deren „Untaten“ nämlich – zu halten und sich an dem unausbleiblichen Kontrast zu erfreuen, sollte man also besser meiden. Ein richtiger Vergleich erfordert stattdessen die wissenschaftliche Befassung mit beiden Seiten. Die fällt schon deswegen etwas unterschiedlich aus, weil nicht mehr der Faschismus, sondern die Demokratie die Grundsätze politischer Herrschaft liefert, nach denen derzeit in der maßgeblichen Oberliga der Staatenwelt und nicht nur dort verfahren wird – übrigens ohne daß da auf eine scharfe Abgrenzung gegen die Verfahrensweisen, mit denen die Faschisten einst ihre demokratischen Konkurrenten übertrumpfen wollten, politische Energien verschwendet würden. Form und Inhalt demokratischer Herrschaft bieten daher Grund und Stoff genug für kontinuierliche Kritik, um die sich unsere Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt bemüht – wobei sie ganz gut ohne „Erinnerungen“ an Deutschlands nationalsozialistische Vergangenheit auskommt.

Deren Erklärung ist dennoch nicht bloß von historischem Interesse; vor allem eben deswegen, weil dieses „Kapitel“ im ideologischen Haushalt der Nation, bei ihren demokratischen Apologeten wie bei ihren demokratieidealistischen Anklägern, eine so prominente Rolle spielt – diese wird im 3. und 4. Teil des vorliegenden Buches eigens gewürdigt. Aus dem Begriff des Faschismus – 1. Teil – und dem politischen Alphabet seines deutschen Chefs – 2. Teil – geht immerhin hervor, auf welcher sachlichen Identität die Geistesverwandtschaft beruht, aus der heraus Demokraten sich vor dem Faschismus als vor einer immerwährenden Versuchung warnen. Es wird geklärt, wie weitgehend sich Notstandsdefinition und -ideologien der Demokratie mit der politischen Problemsicht des Faschismus decken und sogar noch mit dessen polemischer Absage an die demokratische Einrichtung der Staatsmacht konform gehen. Und es wird ermittelt, wo dann die Geister sich scheiden, und mit welchen Konsequenzen beim Einsatz politischer Gewalt zur Behebung nationaler „Mißstände“ Faschisten ihren demokratischen Kontrahenten den Schneid abkaufen wollen und im Nachhinein geradezu wahnsinnig vorkommen – übrigens nicht ohne ihnen zugleich zu imponieren: Schließlich waren es gerade in Deutschland Demokraten, die den Nationalsozialismus als „die bessere Lösung“ anerkannt und an die Macht gebracht haben.

- Der Begriff des Faschismus
- Hitler – ein deutscher Politiker
- Demokratische Faschismustheorie – oder: ‚Wie konnte es dazu kommen?‘
- Demokratische Vergangenheitsbewältigung
- Die verkehrte Faschismus-Theorie der Kommunistischen Internationale

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